1.5 Feinde - Schutzmechanismen

Wanzen werden nicht nur von Vögeln, Mäusen, Libellen, Spinnen und anderen Insekten gefressen bzw. ausgesaugt, sondern auch von ihren eigenen Verwandten, den räuberischen Wanzen, die gegen ihr Gift immun sind.

Sehr häufig werden Heteropteren Opfer von Parasiten. So legen z.B. bestimmte Raupenfliegen ihre Eier auf der Außenhaut der Wanze ab. Nach dem Schlüpfen dringen die Fliegenlarven in den Körper ein und beginnen den “Wirt” langsam von innen aufzufressen. Zuerst ernähren sie sich von dessen Fettgewebe und den Geschlechtsorganen, zuletzt von seinen lebenswichtigen Organen. Ähnlich verfahren Schlupfwespen, die ihre Eier mittels eines Legestachels im Körper ihres Wirtes versenken. 

Um sich vor Fressfeinden zu schützen, wenden Wanzen die unterschiedlichsten Taktiken an: Wie bereits erwähnt, besitzen sie Duftdrüsen, aus denen sie bei Gefahr eine unangenehm riechende Flüssigkeit absondern, die oft nicht nur Feinde töten, sondern auch ihnen selbst gefährlich werden kann. Die Wanzenhaut ist deshalb um die Atemöffnungen herum noppenartig strukturiert, um eine Selbstschädigung durch Rückfluss des Stoffes zu verhindern.

Die Drüsenöffnungen befinden sich bei erwachsenen Tieren seitlich am 3. Vorderkörpersegment (Metapleuren), bei allen Larven hingegen auf dem Rücken. Die erzeugte Abwehrflüssigkeit wird von den einzelnen Arten bei Gefahr ganz unterschiedlich eingesetzt. Lygaeiden-Larven besprühen ihren eigenen Rücken mit dem toxischen Stoff und schützen sich so vor Angriffen; die Larven der Elasmucha-Arten setzen bei Gefahr das Duftsekret ab, um die Mutter zu alarmieren; einige Erd- und Glasflügelwanzenarten lassen die Absonderung in die Öffnungen ihrer Duftdrüsen fließen, tunken den Fuß hinein und streifen die tödliche Flüssigkeit am Angreifer ab. Viele Wanzen beschießen ihre Feinde gezielt mit dünnen, scharfen Strahlen, die bis zu 20 cm weit reichen können, oder nebeln sie mit dem Schutzstoff ein. Wenn sich die Wanzen beim Beschuss drehen, erreichen sie einen Wirkungsradius von mehr als 90° (Wachmann).

Übrigens verbreiten Wanzen nicht immer einen unangenehmen Gestank. Die Zimtwanze (Corizus hyoscyami) verdankt ihren deutschen Namen dem Zimtgeruch, den ihr Sekret verbreitet. Die Graue Gartenwanze (Rhaphigaster nebulosa) duftet nach Marzipan. 

Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen, das sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, benutzen Wanzen ihre Duftdrüsen keinesfalls nur zur Abwehr, sondern setzen die produzierte Drüsenflüssigkeit, die je nach Zielsetzung ganz unterschiedliche Bestandteile haben kann, auch als Lockstoff oder Kommunikationsmittel ein. 

Raub- und Wasserwanzen setzen ihre Stechborsten nicht nur bei der Nahrungsbeschaffung, sondern auch zur Verteidigung ein. Wenn sie sich bedrängt fühlen, schrecken sie nicht einmal davor zurück, Menschen anzugreifen. Ihre Stiche sind sehr schmerzhaft.

Heteropteren haben zudem optische Strategien entwickelt, sich vor Fressfeinden zu schützen. So sind einige Wanzenarten, vor allem aber sehr viele Larven auffällig bunt und fantasievoll gemustert (Abb. 1). Durch ihre Warnfärbung erwecken sie den Eindruck, ungenießbar zu sein. 
                                                                   Abb. 1)     

Carpocoris fuscispinus-Larve

Pyrrhocoris
 apterus-Larve

Cyphostethus tristriatus-Larve

Tritomegas sexmaculatus-Larve

Ganz junge Lederwanzenlarven (Coreus marginatus) sowie die Larven der Andromeda Gitterwanze (Stephanitis takeyai) sind mit spitzen Dornen versehen und wirken durch ihr wehrhaftes Aussehen nicht gerade fresstauglich (Abb. unten).

Coreus marginatus (Larven, auch Frühstadium)

Stephanitis takeyai (Larven)

 

 

 

 

 

 

 


 

Die meisten Wanzen passen sich farblich ihrer Umgebung an (Tarnfärbung). Ein gutes Beispiel ist die Larve der Leptopterna dolabrata (Abb. 3), die auf dem fast gleichfarbigen Untergrund nur sehr schwer zu sehen ist.

    Abb. 3)    Abb. 4)

Eine wahre Meisterin der Anpassung ist die Larve der Staubwanze (Reduvius personatus). Sie bewirft ihren Körper, der mit klebrigen Drüsenhaaren bedeckt ist, nach jeder Häutung mit Staub, Sand oder anderen Schmutzpartikeln. Die perfekte Tarnung an die Umgebung dient nicht nur der Nahrungsbeschaffung, sondern ist gleichzeitig auch Schutz vor Fressfeinden (Abb. 4).   

Zu guter Letzt wäre noch die Mimese (Nachahmung) zu erwähnen. Einige Wanzen täuschen vor, Ameisenvölkern anzugehören (Abb. 5: Larve der Sichelwanze Himacerus mirmicoides). Bisher ist wissenschaftlich nicht endgültig nachgewiesen, warum sich gleich mehrere Wanzenarten als Ameisen “verkleiden”. Mit Sicherheit spielt die Nahrungsbeschaffung dabei eine wichtige Rolle, doch ist nicht auszuschließen, dass die Mimese auch betrieben wird, um sich vor bestimmten Fressfeinden zu schützen, die Ameisen als Beutetiere ablehnen.

Abb.5)