Brutverhalten

Durch ihr außergewöhnliches Brutverhalten, das sie mit nur wenigen anderen Arten gemein hat, zählt die Elasmucha grisea  wohl zu den interessantesten Wanzenarten. In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, eine der ältesten stammt aus dem Jahre 1786, schrieben Naturforscher ihre überraschenden Beobachtungen nieder. Auch wenn Abweichungen in der Deutung gewisser Reaktionen der Tiere vorkommen, ergibt sich doch ein klares Gesamtbild:

Das Elasmucha grisea - Weibchen legt nach erfolgter Paarung (Abb. 1) so viele Eier, wie unter ihm Platz finden   

Es setzt sich wie eine Glucke auf das Gelege und schützt es mit dem eigenen Körper gegen Witterungseinflüsse und Feinde (Abb. 2)

Nach dem Schlüpfen bleibt es bei den Larven (Abb. 3), wacht über sie, führt sie zu geeigneten Futterplätzen und bringt ihnen alles bei, was sie zum Überleben brauchen. Erst dann zerstreut sich die Familie

 

Was das Verhalten des Weibchens nach dem Schlüpfen der Larven betrifft, konnte ich inzwischen eigene, widersprüchliche Erfahrungen sammeln.

Mein Lehrer brachte mir zu Studienzwecken eine Elasmucha grisea mit, die auf der Unterseite eines Birkenblattes auf ihrem Gelege saß. Zunächst verlief die Entwicklung „planmäßig“. Wie erwartet, blieb die kleine Wanze tage- und nächtelang aufopferungsvoll auf ihren Eiern sitzen. Als ich das Tier eines Tages aus nächster Nähe fotografierte, reagierte es ausgesprochen aggressiv, hob den Hinterkörper abwehrend in die Höhe und sprang plötzlich todesmutig gegen meine Kamera, wohl, um mich in die Flucht zu schlagen. Nachdem sich die Wanze beruhigt hatte, lief sie erst einmal herum, fraß und setzte sich nach einiger Zeit wieder auf das Gelege. Am nächsten Morgen fand ich sie saugend an einem Birkenzäpfchen. Sie hatte ihre Bruttätigkeit eingestellt und zeigte an ihrer Nachkommenschaft keinerlei Interesse mehr.

Aus den nun unbewachten Eiern schlüpften am Abend die ersten Larven. Die winzigen Tierchen, die noch zwei Tage lang dicht gedrängt auf und an den leeren Eihüllen hockten, ließen die Mutter unberührt.  Ohne ihre Fürsorge und Anleitung hatten die Larven keine Überlebenschance und starben schon nach kurzer Zeit ab.

Das rätselhafte Verhalten des Weibchens lässt folgende, mögliche Schlüsse zu:

„Rabenmütter“ gibt es auch im Tierreich 

Die Wanze war von Parasiten befallen und „fehlgesteuert”

Das Sozialverhalten in Gefangenschaft lebender Tiere kann sich durch räumliche Enge, falsche  bzw. unzureichende Ernährung oder andere, Stress auslösende Faktoren, drastisch verändern